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Das letzte Hemd hat keine Taschen, sagt ein Sprichwort. Gemeint ist damit, dass wir keine diesseitigen Güter oder gar Reichtümer mitnehmen können ins Jenseits. Wenn es ein solches gibt, kommen wir dort an, wie Gott uns schuf: bar jeden Besitzes. Einige Religionen glauben, dass man im jenseitigen Leben sich zumindest rechtfertigen muss für das, was man im Diesseits getan hat. War man ein schlechter Mensch oder ein guter? Es soll Einfluss haben auf die Behandlung, die uns im Jenseits zuteil wird. Was man also – demzufolge – mitnimmt, ist die Reputation, die man erworben hat. Man könnte es auch positiver formulieren: Ins Jenseits hinüber retten wir unsere Erfahrungen, das Erlebte, die Erinnerung an unser diesseitiges Sein, wie auch immer dieses verlaufen sein mag.

Wem solche Überlegungen im Sinne des Wortes allzu fern liegen, für den möchte ich jetzt auf den Punkt kommen: Wie verhält es sich mit all den virtuellen Gütern, die wir im Laufe unserer virtuellen Existenz ansammeln? Da kommt ja bereits in wenigen Jahren einiges zusammen, was vielen von uns lieb und teuer ist: Fotos, die wir irgendwo hochgeladen haben. Blogbeiträge und gar Blogkommentare, die wir verfasst haben. Sogar Twitterbeiträge, das Kurzlebigste überhaupt, was es im Web an Text gibt, zählen manche zu ihren virtuellen Reichtümern.

Doch damit nicht genug. Bei den 3D-Welten geht es ja erst richtig los. Seien es die ganzen Items und Rangstufen, die wir in diversen Spielen angesammelt haben. Oder seien es die virtuellen Klamotten, Autos, Fluggeräte und Häuser, die wir uns in Second Life zugelegt haben.

Was aber ist, wenn eine zukünftige Konsole meine Spiele und Speicherstände von heute gar nicht mehr unterstützt. Was ist, wenn Linden Labs irgendwann Second Life doch dicht macht? Oder auch nur auf eine Version upgradet, in der meine aktuellen Besitztümer nicht mehr funktionieren.

Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine haben die meisten von uns vermutlich noch nicht oder nicht sehr oft erlebt: Wir sind aktuell mit unseren virtuellen Existenzen beschäftigt, als man uns alles nimmt. Das ist sehr, sehr schmerzlich und wird für den ein oder anderen in diesem Moment wahrscheinlich den Zusammensturz seiner Welt bedeuten. Die zweite Variante ist sehr wahrscheinlicher und viele von uns haben sie vermutlich schon erlebt: Wir haben uns selbst längst schon nicht mehr mit den virtuellen Hinterlassenschaften beschäftigt, und bestenfalls ist es uns egal, dass sie nun verloren sind. Schlimmstenfalls werden wir etwas wehmütig zurückschauen und denken: Schade um all das Geld/all die Zeit, die ich hineininvestiert habe.

Am meisten werden wir wohl noch unseren eigenen Kreationen nachtrauern. Den Blogbeiträgen oder Fotos oder den virtuellen Gegenständen, die wir in den 3D-Welten erzeugt haben.

Klar wird jedoch auch hinsichtlich virtueller Reichtümer: sie sind nicht für die Ewigkeit. Nicht einmal eine halbe Ewigkeit wird das meiste davon überdauern.

Was jedoch sicherlich die Zeit überdauern wird, sind die Erinnerungen an die Zeiten, die wir mit all den virtuellen Dingen verbracht haben – sehr wahrscheinlich viel Zeit davon mit Freunden. Wir werden uns erinnern an die virtuellen Gegenstände, die wir besaßen. Aber dergestalt, wann und vor allem wie und mit wem wir sie benutzt haben. Das Erstaunlichste für mich an Erinnerungen an den virtuellen Raum ist, dass sie sich eigentlich gar nicht von meinen anderen Erinnerungen unterscheiden. Und das Schöne an den Erinnerungen ist, dass man sie jederzeit abrufen, sich wieder hineinversetzen – kurzum: sie erneut erleben können. Bestenfalls in ihnen schwelgen.

Es ist noch niemand zurück gekommen, sagt ein anderes Sprichwort über diejenigen, die ins Jenseits abwanderten. Deshalb konnte auch noch niemand Bericht erstatten, ob es sich dort drüben genau so mit dem Erinnerungs-Reichtum verhält wie diesseits mit den Erinnerungen an – teils längst vergangene – virtuelle Zeiten. Möglichweise aber ist unser Umgang mit unseren virtuellen Gütern – vor allem aber mit den Erinnerungen eine gute Übung für die Zeit nach dem unweigerlich anstehenden großen Logoff.

Veröffentlicht von

Buk

Man nennt mich Buk. Dort.