Kreativität entfalten

Wäre es vermessen zu behaupten, die meisten Menschen, die Secondlife und ähnliche Umgebungen aufsuchen, täten dies, um kreativ zu sein? Schließlich wird doch immer wieder behauptet, es ginge so viel um Kommerz und ums Geschäfte machen. Das stimmt auch, doch selbst dort spielt Kreativität eine Rolle: Gäbe es keinerlei virtuelle Dinge, die irgend jemand erzeugt hätte, gäbe es auch keinen Kommerz. Seien es Kleidungsstücke oder Gegenstände.

Natürlich geht es um Kreativität, auch wenn es zunächst einmal Neugier und Interesse an Kommunikation sein mag, das die Leute in diese Welten treibt. Schnell werden die meisten ihre Kreativität entdecken, werden den Wunsch entwickeln, selbst Dinge herzustellen, zu bauen, zu formen oder zu skripten – je nach Fähigkeit und Neigung. Selbst die Fertigkeit, arrangieren zu können, ist in 3D-Welten wie Secondlife oder OpenSim eine essentielle Fähigkeit, die – beherrscht – auch gut bezahlt wird.

Ich habe während meiner Aufenthalte in den 3D-Welten einiges von dem praktiziert; ich habe gebaut, arrangiert, geformt, animiert, texturiert und – in Ansätzen – auch geskriptet. Nun muss ich gestehen, dass ich keine dieser Fertigkeiten besonders gut beherrsche. Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich an diesen Inworld-Möglichkeiten, kreativ zu sein, schnell die Lust verliere. Vieles empfinde ich mit der Zeit als mühsam und kaum befriedigend. Ich kann ein halbwegs hübsches Haus bauen, aber dann bin ich damit auch halbwegs zufrieden und sehe nicht die notwendigkeit, ein weiteres zu erstellen, sondern schleppe das bereits erstellte überall hin mit.

Die bislang größte Befriedigung fand ich – das war zu Secondlife-Zeiten – darin, schöne Dinge zu finden, und sie zu remixen. So entstandenneue Welten im Kleinformat, die es möglich machten, sich in ganz bestimmte Stimmungen zu versetzen und Emotionen freizusetzen. Vor einer Weile habe ich das einmal mit einem Bühnenbauer (oder Kulissenbauer) verglichen, und der Vergleich ist treffend.

Als echtes Manko empfinde ich, dass sich bestimmte kreative Fertigkeiten nicht so ohne Weiteres auf eine 3D-Umgebung übertragen lassen. Am ehesten gelingt das noch mit der Fotografie. So habe ich auch in Secondlife immer wieder Menschen/Avatare gesehen, die ihre Leidenschaft Fotograf in die 3D-Umgebung einbrachten. Sei es, indem sie inworld fotografierten oder indem sie Exworld-Fotografien Inworld ausstellten.

Besonders schwer fällt in diesen 3D-Welten – und man glaubt es kaum, da gerade dies durch der Ursprung aller kreativer Fantasie ist – Text in die 3D-Welt einzubringen. Texten ist in einer solchen Umgebung eine Qual, da ich zwar in der richtigen Umgebung, zum Beispiel am Strand – sein kann, aber um meinen Text zu verfassen, muss ich auf Hilfsmittel zurückgreifen, die nicht gerade dazu geeignet sind, die Inworld-Stimmung zu erhalten. Ich muss Notecards benutzen, um zu schreiben oder gar ein externes Programm, einen Browser oder ein Schreibprogramm. So stelle ich es mir nicht gerade vor, in einer 3D-Welt schreibend tätig zu sein, denn es macht die Stimmung letzlich wieder kaputt.

Von Lindenlabs wird diesbezüglich wohl kaum etwas zu erwarten sein, denn die spärlichen Inworld-Verbesserungen dienen dazu, aus den Nutzern bessere Konsumenten zu machen. Da sich die Opensim-Macher zwar nicht am Kommerz, sehr wohl aber eng an den technologischen Möglichkeiten von Second Life orientieren bzw. bestrebt sind, diese zu implementieren, dürfte auch von dieser Seite nichts zu erwarten sein.

Muss man also mal wieder alles selbst machen bzw. auf den Skipter und Coder seines Vertrauens zurückgreifen. Wir haben einige Ideen im Hinterkopf, wie man dahin kommen kann, bestimmte Tätigkeiten auch in einer solchen 3D-Umgebung zu verwirklichen. Aber das braucht Zeit, denn die Idee will erst einmal durchdacht und dann auch gründlich getestet sein, ehe sie produktiv einsetzbar ist.