Unter Menschen, die sich noch nie damit befasst haben, ist es ein weit verbreitetes Vorurteil, dass es reine Zeitverschwendung sei, seine Zeit damit zu verbringen, sich in virtuellen Welten herumzutreiben. Schließlich sei das ja alles nicht echt – virtuelle Güter, die nicht existent sind; künstlich erzeugte Sonnenuntergänge, denen keine Wahrhaftigkeit innewohnt; überhaupt könne man in solchen Welten – auch wenn man anderen Menschen begegnet, gar nicht unterscheiden: Was ist real? Alles könne Schein sein. Auch das, was einem das Gegenüber vorgaukelt. Warum also sich damit befassen, wenn alles nur Schein ist?
Dasselbe, könnte man als Gegenargument ins Feld führen, gilt doch aber auch in gewissem Maße für die so genannte „reale Welt“. Da wird gegaukelt und vorgespiegelt, was das Zeug hält. Wir alle tragen unsere Masken im Alltag wie unser Avatar in der Anderwelt seinen Skin trägt. Vertrauen in andere bildet sich erst mit der Erfahrung. Ein Kind weiß nicht, dass eine Fata Morgana nicht real ist, weil es ihm noch niemand gesagt hat. Wir die Erwachsenen wissen es, weil wir es in Büchern gelesen, im Fernsehen (auch eine Art Parallelwelt) gesehen, von unseren Eltern gehört oder vielleicht sogar selbst festgestellt haben.
Nicht anders verhält es sich auch mit den virtuellen Welten. Mit Sandkasten-3D-Spielen wie Second Life oder Spielewelten wie Myst, die Sims oder Grand Theft Auto. Indem wir diese Spiele spielen, diese anderen Welten ausprobieren, sammeln wir Erfahrungen damit und darin, was daran virtuell ist: Sicher, die Sonnenuntergänge sind aus künstlichem Licht erzeugt, die Häuser aus Pixeln gebaut, ebenso wie die Kreaturen, die sich darin bewegen, und die oftmals unsere Stellvertreter in der künstlichen Dimension sind.
Doch was echt ist, das sind unsere Empfindungen. Ganz gleich, ob wir nun von einer künstlichen Welt angerührt wurden oder doch von einem echten Strand. Die Empfindungen, die wir dabei haben, sind immer real, denn unechte Gefühle können einem höchstens von anderen Menschen entgegen gebracht werden, wir selbst sind stets nur in der Lage, echt, also real, zu empfinden.
Wenn es Gefühle wie Langeweile, Frust oder Enttäuschung sind, die uns beim Anblick dieser Welten beschleichen, dann stimmt es tatsächlich: es ist wahrscheinlich Zeitverschwendung, dass wir uns in diesen Parallelwelten bewegen. Ich behaupte allerdings: Wer nur die vorgenannten Gefühle empfindet, wenn er sich in der Virtualität bewegt, der hat sich nicht ernsthaft damit beschäftigt, denn sonst ergibt sich der Spaß und die Freude von selbst. Wer nur von negativen Gefühlen beschlichen wird, sobald er eine virtuelle Welt betritt, dem ist es vermutlich nicht gelungen, sich erst einmal von seinen eigenen Vorurteilen frei zu machen, einfach neugierig und unvoreingenommen zu sein.
Deshalb: Erst einmal einlassen auf die andere Welt. Man kann dort genauso abtauchen wie in einem guten Buch oder einem unterhaltsamen Film. Und wenn man es wirklich auf sich zukommen lässt, kann das Fühlen sogar intensiver sein!